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Bewusstseinserweiterung

Wer glaubt, in die Tiefen seines Inneren und seiner Vergangenheit eintauschen zu müssen um Eric Beiers Bilder zu verstehen, liegt falsch. Wer denkt, selbstverständlich zu wissen, warum er macht was er macht, liegt ebenfalls daneben. Aber selbst wenn man versucht sich unbeirrt auf seine Arbeiten einzulassen, stößt man immer wieder an Grenzen. Nicht an seine, sondern an die eigenen.
Eric Beier steht scharfen Fragen und Kritik offen gegenüber. Hochmut und unangebrachte Rücksichtnahme nutzt er aus für Konfrontation. Es sind exakt diese Situationen des Aufeinandertreffens, die sein starkes Bedürfnis nach einer neu codierten Wahrnehmung entfachen. Ähnlich einer Grammatik, die wie das setzen von Punkt und Komma automatisch unterbewusst funktioniert und manifestierte Fremdartigkeit und Unbehagen auslöscht.

Seine großformatigen Malereien sind hauptsächlich Gruppen- oder Einzelportraits - ausgelassene Situationen am Stand, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten. Die Situationen sind offensichtlich, genauso wie die abgebildeten Gegenstände. Was nicht zu erkennen ist, sind die Gesichter. Damit wird offenbart, was der „normale Mensch“ sieht, wenn er sein Gegenüber als „unnormal“, als Mensch mit Behinderungen, wahrnimmt. Ein Umstand, der in seiner Realität befremdliche und unbehagliche Gefühle auslöst. Eine Prothese oder ein Rollstuhl impliziert ein Hindernis und die Persönlichkeit, das Gesicht, bekommt Rang Zwei. Der gesunde Mensch hat im Moment der ersten Begegnung sowieso sein Urteil gefällt, was da mit großer Wahrscheinlichkeit lauten mag: Scheiße, du tust mir leid. Hilfe, wie geh ich damit um? Abstand“.
Ein Rollstuhl grenzt aus und schirmt ab. Er wird zu einem Label, das nicht abzuschneiden ist, obwohl für alle Menschen die gleichen Regeln und Gesetze gelten.

Mit seinen Gemälden hinterfragt Eric Beier scharf die vorherrschende Distanz zwischen zwei Gesellschaften. Dass diese Distanz jedem absurd und unwirklich erscheint ist klar, aber wir alle gliedern uns bewusst und unbewusst in diese Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Und warum? Weil uns keiner sagt, wies richtig geht.

Seine aktuellen Arbeiten zeigen Schriftzeichen, die uns fremd sind auf Objekten, die wir kennen. Fremdartige Hieroglyphen reihen sich auf Leinwänden eng aneinander oder pressen sich in Tonplatten. Es sind herkömmliche und traditionelle Reproduktionsmedien, deren Inhalte sich den Betrachtenden nicht erschließen wollen. Die Interpretation dieser Arbeiten nimmt immer komplexere Ausmaße an. Es hilft, sie als serielle Experimente zu betrachten und dabei den Blick auf eine Arbeit zu richten, die zur Zeit mitten im Entstehungsprozess steckt. Eric Beier konstruiert einen übergroßer Zauberwürfel frei nach Rubik, welcher seiner Einzelteile durch Magneten hält. Darauf sind unmissverständliche Piktogramme abgebildet. Neben den genderspezifischen Symbolen für Frau und Mann reiht das Icon für eine behindertengerechte Umgebung ein. Uns allen bekannt aus diversen Toilettensituationen. „Wie radikal müsste man Integration oder Inklusion denken um zu verstehen?“, fragte mich Eric Beier bei dem Versuch mir seine abstrakten Gedanken zu erschließen und trifft damit ins Schwarze. Die kleinste gemeinsame Schnittmenge unserer Wahrnehmung von körperlichen Unterschieden drückt sich sehr gut in Piktogrammen aus. Sie verleihen der skurrilen gesellschaftlichen Kluft zwischen Abnormität und Normalität einen sinnlich erfahrbaren Ausdruck.

Lucie Klysch, Kunsthistorikerin
Dresden, Februar 2018

„This ability“ – Behinderung und Fähigkeit

Matthew Barney zeigt in seinem Film „Drawing Restrain“ wie er sich Hindernisse konstruiert, um gegen sie ankämpfend Zeichnungen zu generieren die eine starke, sehr eigene Intensität entwickeln. So sind auch meine Arbeiten zunächst aus dieser Perspektive zu betrachten, selbst wenn mein „Hindernis“ nicht frei gewählt ist. Solche Hindernisse, oder auch Behinderungen, fordern dazu auf, überwunden zu werden. Matthew Barney weist explizit darauf hin, dass eine Überwindung von Hindernissen uns Fähigkeiten entwickeln lässt. Für mich sind solche Fähigkeiten eine sensible Wahrnehmung der Realität, die mich umgibt, für die Körpersprache meiner Mitmenschen und das Bewusstsein für Barrieren im Raum, einem Raum der auch unser Denken und Fühlen spiegelt, da er eng verknüpft ist mit unserer geistigen Welt. Auch stellt sich mir die Frage, welche Auswirkungen auf die Körpersprache eine dem Körper eigene Unfähigkeit hat. Zu welcher unbewussten Annahme verleitet die beiläufige Beobachtung, dass unser Gegenüber offensichtlich gelähmt ist und zum Sitzen in einem Rollstuhl gezwungen ist? Welche Gefühle werden dadurch ausgelöst, dass er seine Beine nicht bewegen kann? Wenn für ein Gruppenfoto, wie etwa bei dem Bild „Lifestile“, sich die Mitmenschen hinabbeugen müssen, stellt sich mir die Frage, was kommuniziert ein so entstandenes Bild, indem es hier auch eine besondere Körpersprache dokumentiert? Wie wirkt dieser Umstand fort in der Wahrnehmung der Betrachter? Oft scheint es, als würde ich mit meiner Situation andere daran erinnern, wie zerbrechlich der menschliche Körper ist und wie defizitär wir alle sind. Die Illusion eines selbstbestimmten Lebens, das wir ganz und gar in der Hand haben, ist wichtig für das tägliche Leben, aber die Personen in meinen Bildern setzen oft eine solche Illusion außer Kraft. Sie sind normal im besten Sinne, waren aber trotz allem offensichtlich nicht vor einem harten Einschnitt in ihrem Leben gefeit.

Für viele Menschen ist ebenfalls nicht selbstverständlich, wie auch ein verletzter Körper, ein gebrochener Körper,sexuelle Anziehungskraft besitzen kann. Wir sprechen es Menschen mit einer derartigen Besonderheit durchaus nicht ab „trotzdem“ ihren Körper zu zeigen. Aber warum denn überhaupt dieses „trotzdem“? Natürlich weil wir wissen, dass der immer wieder auftauchende Satz „Was bedeutet eigentlich normal?“ hier schon sehr klar beantwortet werden kann. Die Frau in dem Bild „A Girl and two Men on the Beach“ ist es ganz sicher nicht. Aber sie zeigt selbstverständlich ihren Körper und geht scheinbar offen mit ihrer weiblichen Sexualität um. Sie scheut nicht den möglichen Anstoß mit ihrer Andersartigkeit. Die Soziologin Ilse Mehnert hat sich in einer wissenschaftlichen Abhandlung mit diesem stark tabuisierten Thema auseinandergesetzt. Die Schrift mit dem Titel „Mancophilie“ untersucht die sexuelle Faszination, die ein Mensch mit einer körperlichen Einschränkung wie etwa einer Amputation oder einer Querschnittlähmung, auf einige Menschen ausübt. Auch andere bekannte Soziologen haben sich mit Themenschwerpunkten befasst, die in meinen Bildern eine Rolle spielen. Erving Goffman etwa hat in seinem Buch „Stigma“ breit ausgeführt, wie sich parallele Gesellschaften bilden, die sich durch ein Stigma wie einer Behinderung definieren und wie sie sich eigene Symbole, Normen, Werte und Soziolekte schaffen. Von einer solchen Parallelgesellschaft und ihrer Berührung mit der „normalen Welt“ handeln meine Bilder. Sie stellen neu die Frage nach einem Blick auf den versehrten menschlichen Körper. Sie fordern auf zum Ansehen, sie fordern auf zum sonst so schamhaft verstohlen Hinsehen. Ja, sie erlauben sogar das Starren. Warum nicht? Das Bild ist nicht Realität, selbst wenn es mit ihr zu tun hat, es weist über sich selbst hinaus und schafft dabei eine Überwindung von Grenzen und Barrieren, die zu aller erst in unserm Geist existiert.

Eric Beier
Dresden, April 2014